Naturverhältnis - Naturverständnis

"Es war im April 1991, als wir zu fünft nach einem großartigen Tag vom Piz Palü hinunter kamen. Wir waren am Vortag von der Chamanna Coaz zur spartanisch ausgestatteten Marco e Rosa Hütte (3600m) hinübergezogen, hatten eine extrem kalte Nacht mit Starkwinden überstanden, die so heftig tobten, dass durch die Ritzen der Bretterwand Schneekristalle ins Innere drangen und unsere Wolldecken bis zum Morgen mit einer dünnen Schicht überzogen hatten und waren in der Früh bei herrlichem Wetter - der Sturm hatte sich gelegt - einsam aufgebrochen, die Bellavista zu gehen, diese großartige Überschreitung des Berninamassivs. Tief zufrieden und glücklich über diesen Tag genossen wir nach dem letzten Gipfel wie zum Lohn die lange Abfahrt in weiten Schwüngen und waren erfüllt vom Anblick der mächtigen Gletscherwelt. Bis, ja bis wir an eine Stelle kamen, wo sich eine Seraczone besonders wild aufstellte. Inmitten des Eises auf ca. 3400m hatte eine Werbefirma mit viel Technik ihre Installation aufgeschlagen. Der Heli war an einer Verflachung daneben geparkt. Mehrere Kamerateams hatten sich postiert, um 3 Jugendliche aus jedem Blickwinkel zu filmen, wie sie über Eispyramiden coole Sprünge auf ihren - gerade im Kommen begriffenen - Snowboards vollbrachten. Welch eine bizarre Szenerie! Hier und da standen sich zwei Welten gegenüber. Wir kamen uns vor, als seien wir in einem schlechten Film."

Dieses Ereignis, damals von Bernd mit Freunden beobachtet, ist nur eins von vielen, denen wir jährlich begegnen, die uns sinnlich erlebbar machen, wie alpine Natur für kommerzielle und andere Zwecke benutzt wird. Berge müssen für jeden Scheiß herhalten. Ob als Kulisse für Banken oder zur Vermarktung von Kosmetika. In den Ostalpen - ob auf Gipfeln, z.B. der Zugspitze, oder am Fuße der Pisten der Skizentren, z.B. Lech a. Arlberg - stehen tatsächlich Autoexponate der üblichen verdächtigen Marken, ausgestellt in gläserenen Kästen! Täglich gehen Hunderte an ihnen vorbei, ohne sich scheinbar daran zu stören.

Dass sie das wirklich nicht empört, deutet darauf hin, dass die beschriebenen Touristen Natur als Ware und Kapital erleben -  einschliesslich ihrer selbst. Die fabelhafte Stimme der Sängerin, der geschmeidige Körper der Tänzer, die bezaubernde junge Frau des alternden Politikers, der akademische Titel des Referenten oder der herrliche ungestörte Ausblick von der Villa auf die prächtige Bergkulisse - all das wird in der ökonomischen Logik des Marktes wahrgenommen. Und wie der Ausblick auf die Bergkulisse den Marktwert des „Objektes“ erhöht, so ist Natur, die vermarktet werden kann, mehr wert. Wir übertragen die Marktlogik auf die Nutzung von Natur. Dadurch wird ihr Wert in eine quantitative Größe, in einen bezifferbaren Geldwert verwandelt.
Wenn der Wert der Natur zum Geldwert wird, wird das Verhältnis zur Natur wie zu einem Konsumartikel. (Schliesslich haben wir ja dafür bezahlt, dass wir in der schönen Natur Skifahren können!) Sie ist dann qualitativ nichts anderes als die ausgestellten Autos; sie ist nichts Einzigartiges, Kostbares, etwas, das man nicht in Zahlen und Geldmengen ausdrücken kann.

Verkehrte Welt. Der Mensch kann den Wert der Natur fühlen und erkennen, ihn aber nicht berechnen. Ein Berg hat einen Wert an sich und er hat das Recht für sich da zu sein. Er gehört niemandem, höchstens sich selbst. Einen Berg kann man nicht buchen.
Wir haben zu dieser Natur eine liebende Beziehung und eine Haltung des Respekts. Natur ist kein Gegenstand, der zu unserem Spaß da ist. Sie ist kein Mittel zu unserem Zweck, sondern Selbstzweck. Sie existiert ohne uns, aber wir nicht ohne sie.